«Die Daten zeigen das Gegenteil»: John Hattie widerspricht dem Schweizer Selektionssystem

Im März 2026 besuchte John Hattie zum ersten Mal offiziell die Schweiz und seine Botschaft war unmissverständlich: Das Schweizer Selektionssystem, das Kinder bereits nach der 6 Klasse in unterschiedliche Leistungsniveaus aufteilt, steht im Widerspruch zur weltweiten Bildungsforschung.

Hattie, 76 Jahre alt, gilt als einer der einflussreichsten Bildungsforscher der Gegenwart. Mit seiner Synthese von über 2.100 Metaanalysen, mit Daten von rund 400 Millionen Lernenden weltweit, hat er das Denken über Unterricht und Schulsysteme global geprägt. Seine Erkenntnisse zur Selektion und zum sogenannten «Tracking» sind auch für den VSoS von zentraler Bedeutung.

Erster offizieller Besuch in der Schweiz

Auf Einladung der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH), der PH FHNW und der Pädagogischen Hochschule Zürich reiste Hattie Mitte März 2026 gemeinsam mit Professorin Janet Clinton in die Schweiz. Sein Programm führte ihn von einem Schulbesuch in der Zürcher Sekundarschule Hans Asper bis zu vollbesetzten Vorträgen vor Fachpublikum: Der Anlass an der PH FHNW in Brugg-Windisch zog über 700 Teilnehmende vor Ort und rund 1.000 im Livestream an. Ende März besuchte er zudem die Mosaikschule Munzinger in Bern.

Sein Besuch fiel in eine Zeit intensiver bildungspolitischer Debatten in der Schweiz: Vorstösse von rechts verlangen mehr Separation, von links wird die frühe Selektion nach der Primarschule kritisiert, und die PISA-Studie zeigt sinkende Leistungen in Rechnen und Lesen.

Im Gespräch mit Bildungsfachleuten an der HfH äusserte sich Hattie klar und direkt zur Frage der frühen Selektion in der Schweiz:

«Ich wundere mich immer wieder, wie man wissen will, wie sich Zwölfjährige in den nächsten zwanzig Jahren entwickeln werden.»

Hattie machte auch auf seine eigene Biografie aufmerksam: «Ich selbst habe die Mathematik erst mit 15 entdeckt.» In einem stark selektiven System, das Bildungswege bereits mit zwölf oder dreizehn Jahren vorbestimmt, wäre das für ihn kaum mehr möglich gewesen.

In Australien und Neuseeland, wo Hattie aufgewachsen ist und arbeitet, gibt es keine vergleichbare frühe Selektion. Er kennt das Schweizer Modell daher von aussen, und er sieht es mit kritischen Augen.

Homogene Klassen bringen keinen Mehrwert, auch nicht für die Besten

Eines der wichtigsten Ergebnisse von Hatties jahrzehntelanger Forschung betrifft das Herzstück des selektiven Schulsystems: die Idee, dass Schülerinnen und Schüler in leistungshomogenen Klassen besser lernen. Hatties Antwort darauf ist eindeutig:

«Dass Schüler in homogenen Klassen mehr Fortschritte machten, sei Unsinn. Die Daten zeigten genau das Gegenteil: Selbst die Besten würden in durchmischten Klassen besser vorankommen.»

Die Forschungsbasis dahinter ist breit: Die Effektstärke leistungshomogener Klasseneinteilung beträgt lediglich d = 0.12 – weit unter dem von Hattie definierten Schwellenwert von d = 0.40, ab dem eine Massnahme als pädagogisch bedeutsam gilt. Hunderte von Studien zeigen, dass Tracking kaum Unterschied beim Lernerfolg der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler macht, bei leistungsschwächeren hingegen häufig zu Motivationsverlusten bis hin zur Ablehnung von Schule führt.

Peer-Tutoring, das gegenseitige Erklären und Lehren unter Schülerinnen und Schülern, hat dagegen enorme positive Effekte. Diese Form des Lernens wird durch gemischte Klassen begünstigt und durch homogene Leistungsgruppen verhindert.

Selektion schützt die Elite, auf Kosten der anderen

Hattie scheute sich nicht, die politischen Mechanismen hinter der Verteidigung des Selektionssystems beim Namen zu nennen:

«Viele der Entscheidungsträger in der Schweiz sind selbst durch das Gymnasium gegangen. Sie schützen, was sie kennen.»

Der Preis dieses Schutzes ist hoch: «Zahlreiche Menschen werden um die Chance auf eine breitere Bildung gebracht, aufgrund von Entscheiden, die im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren getroffen werden.» In seiner Forschungsarbeit verweist Hattie darauf, dass Tracking einer «ungerechten Verteilung von Privilegien» Vorschub leistet, bei der wohlhabende Schülerinnen und Schüler Zugang zu hochwertigem Wissen erhalten, das Schülerinnen und Schüler mit tiefem Einkommen und aus Minderheiten verwehrt bleibt.

An einer Stelle in seinem Werk «Visible Learning: The Sequel» benutzt Hattie sogar das Wort «Apartheid», wenn er beschreibt, wohin eine unkritische Selektion führen kann. Schulleitungen und Bildungsbehörden tragen die Verantwortung, sicherzustellen, dass schulische Trennung nicht zu diesem Zustand führt.

Labels und Diagnosen schaden der Entwicklung

Hattie warnte in Zürich auch vor einer eng mit der Selektionslogik verbundenen Praxis: dem Versehen von Kindern mit Diagnosen und Etiketten. Die Auswertung weltweiter Studien zeige klar:

Bezeichnungen wie ADHS, «lernschwach» oder «sprachgestört» hätten einen stark negativen Effekt auf den Lernfortschritt. Solche Labels senkten die Erwartungen, bei Lehrpersonen, Eltern und oft auch bei den Kindern selbst.

In der Schweiz wird genau diese Tendenz immer stärker: Es gibt immer mehr Kinder mit Diagnosen, Förderbedarf und integriertem Sonderschulstatus. Diese Entwicklung ist eng mit den Strukturen der Selektion verknüpft, und mit finanziellen Anreizen, da Schulen durch Diagnosen zusätzliche Stellenprozente erhalten.

Hohe Erwartungen als Alternative

Was braucht es stattdessen? Hatties Antwort ist klar: hohe Erwartungen an alle. Die Forschung zeigt, dass hohe Erwartungen die Lernrate von Schülerinnen und Schülern verdoppeln können. Lehrpersonen mit hohen Erwartungen differenzieren nicht bei den Zielen, sondern beim Weg und Tempo, um diese zu erreichen.

Auf seiner Zürcher Bühne fasste Hattie es so zusammen: «Hohe Erwartungen bringen die grössten Lernfortschritte. Das gilt sowohl für die Erwartungen der Kinder und Jugendlichen selbst als auch jene ihrer Eltern und vor allem der Lehrerinnen und Lehrer.

Was bedeutet das für den VSoS?

John Hatties Besuch in der Schweiz und seine klaren Aussagen zur Selektion sind für uns als VSoS eine wichtige Rückendeckung aus der internationalen Bildungsforschung. Was wir als Verein seit Jahren fordern, entspricht dem, was die Datenlage weltweit zeigt:

  • Frühzeitige Selektion nach der 6. Klasse ist pädagogisch nicht begründbar
  • Homogene Leistungsklassen bringen keinen messbaren Lernerfolg, weder für starke noch für schwache Lernende
  • Das Festschreiben von Bildungswegen mit zwölf Jahren benachteiligt vor allem Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Verhältnissen
  • Die Alternative lautet: gemischte Klassen, hohe Erwartungen, echte Förderung

Unsere Initiativen in den Kantonen Bern und Zürich für einen selektionsfreien Übertritt in die Sekundarstufe I haben leider nicht die nötige Zahl an Unterschriften erreicht. Aber die Frage, ob ein System, das Lebenschancen von Zwölfjährigen bestimmt, fair und sinnvoll ist, bleibt, und John Hattie hat ihr im März 2026 aus internationaler Perspektive neue Dringlichkeit verliehen.

Der Kampf für eine Volksschule ohne Selektion geht weiter!

Quellen

  • Medienmitteilung HfH (https://www.hfh.ch/medienmitteilung/john-hattie-erstmals-in-der-schweiz)
  • [PDF] Visible Learning 2.0. John Hattie – wbv Publikation (https://www.wbv.de/shop/files/Zusatzmaterialien/Leseprobe/9783834022509.pdf?173861849715624190)
  • John Hattie und Janet Clinton – 18. März 2026 an der PH FHNW (https://www.fhnw.ch/de/ph/aktuelles/john-hattie-visit-at-fhnw-2026-fostering-school-success-through-visible-learning)
  • Der Bund, 31.3.26, Mirjam Comtesse, Nicole Philipp (https://www.derbund.ch/bern-bildungsforscher-john-hattie-besucht-munzinger-schule-199195389380)
  • NZZ am Sonntag, René Donzé , Karin Hofer, 01.04.26. (https://www.nzz.ch/nzz-am-sonntag/report-und-debatte/john-hatties-botschaft-an-schweizer-schulen-lernen-statt-lehren-ld.1927635)
  • Alliance Chance+, John Hatties Impulse für Chancengerechtigkeit (https://chanceplus.ch/john-hatties-impulse-fuer-chancengerechtigkeit/)
  • [PDF] Ulrich Steffens und Dieter Höfer 20. Juni 2011, Institut für Qualitätsentwicklung (https://www.visiblelearning.de/wp-content/uploads/2013/07/Hattie_Veroeff_Erg_3a_Bilanz_2011-06-20.pdf)
  • News4teachers, 30. Januar 2025 (https://www.news4teachers.de/2025/01/hattie-vs-deutsches-schulsystem-schueler-nach-leistung-getrennt-voneinander-zu-unterrichten-hat-keinen-effekt-auf-den-lernerfolg/)
  • News4teachers, 27. Dezember 2024 (https://www.news4teachers.de/2024/12/es-gibt-lehrpersonen-und-schulstrukturen-denen-es-nicht-schaden-wuerde-sich-von-hattie-aufruetteln-zu-lassen/)
  • Deutsches Schulportat, 27. Oktober 2025, (https://deutsches-schulportal.de/expertenstimmen/john-hattie-warnt-vor-falsch-verstandener-individualisierung-des-lernens/)
  • Initiativen für einen selektionsfreien Übertritt in die Sekundarstufe I. (https://www.vsos.ch/initiativen-fuer-einen-selektionsfreien-uebertritt-in-die-sekundarstufe-i-sind-nicht-zustande-gekommen/).