Selektion in der Volksschule: Was der Bildungsbericht 2026 zeigt (und was nicht)

Der neue Bildungsbericht Schweiz 2026 [1] bestätigt, was der VSoS seit Jahren kritisiert: Die Selektion in der Volksschule ist sozial ungerecht. Doch ausgerechnet jener Bericht, der diese Ungerechtigkeiten dokumentiert, steht selbst in der Kritik: Renommierte Forschende zweifeln an seiner wissenschaftlichen Unabhängigkeit [2].

Herkunft schlägt Leistung

Der Bildungsbericht hält es schwarz auf weiss fest: Kinder aus sozial privilegierten Familien haben bei gleichen Leistungen am Ende der Primarstufe eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine Klasse mit erweiterten Anforderungen zu besuchen als Kinder aus weniger privilegierten Familien (S. 81).

Noch deutlicher zeigt sich der Effekt beim Langzeitgymnasium: Schülerinnen und Schüler, deren Eltern nur über einen obligatorischen Schulabschluss verfügen, aber zum obersten Leistungsquintil gehören, haben keine grössere Chance auf den Gymnasialeintritt als Kinder von Akademikereltern aus dem mittleren Leistungsbereich (S. 169).

Mit anderen Worten: Wer die falschen Eltern hat, muss aussergewöhnlich begabt sein, wer die richtigen hat, schafft es auch mit Durchschnittsnoten ans Gymnasium.

Dazu kommen systematische Verzerrungen bei der Beurteilung: «Die Kombination verschiedener Merkmale kann zu einem Unterschied von mehr als einer halben Note bei gleicher objektiver Leistung führen.» Nicht fremdsprachige Mädchen aus privilegierten Familien werden bei derselben extern getesteten Leistung im Fach Deutsch besser benotet als z. B. fremdsprachige Knaben, und das kann entscheidend sein für den Übertritt in die Sekundarstufe I (S. 108-109).

Die Wissenschaft kritisiert den Bericht selbst

Dass der Bildungsbericht diese Missstände überhaupt benennt, ist wichtig. Dass er diese gleichzeitig unterschätzt, ist das eigentliche Problem. Namhafte Forschende erheben grundlegende Kritik:

Rolf Becker, emeritierter Professor für Bildungssoziologie an der Universität Bern, urteilt: «Der Bildungsbericht weist gravierende wissenschaftliche Mängel auf. Wichtige Publikationen aus der Schweiz mit Schweizer Daten werden erst gar nicht erwähnt, das deutet auf eine selektive und unsachgemässe Recherche hin. Ganze Forschungsfelder wie die Bildungssoziologie oder die Erziehungswissenschaften werden komplett ausgeblendet.»

Katharina Maag Merki, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich, ergänzt: «Der Bildungsbericht entspricht nicht in genügendem Ausmass den wissenschaftlichen Standards. Die Bildungsökonomie nimmt eine zu dominante Rolle ein.» Besonders problematisch findet sie, dass die Qualität des Unterrichts und der Schulen nicht im Fokus steht.

Ihr Fazit: «Es ist Zeit, den Bildungsbericht zu überdenken.»

Thomas Meyer, Gründer der TREE-Studie am Soziologischen Institut der Universität Bern, stellt fest: «Das für den Bildungsbericht verantwortliche Steuergremium ist rein politisch zusammengesetzt. Es gibt keinerlei Peer-Review-Verfahren, also keine wissenschaftliche Kontrolle. Das ist eine unhaltbare Situation.»

Was folgt daraus?

Für den VSoS führen der Befund des Bildungsberichts und die Kritik aus der Wissenschaft zur selben Schlussfolgerung: Wenn bildungssoziologische Forschung mit Schweizer Daten systematisch ignoriert wird, werden die tatsächlichen Ungerechtigkeiten des Selektionssystems eher beschönigt als aufgedeckt. Ein Bericht, der auf einem Auge blind ist, taugt nicht als Grundlage für bildungspolitische Entscheide, schon gar nicht für ein System, das jedes Jahr Tausende von Kindern aufgrund ihrer Herkunft und nicht ihrer Leistung schubladisiert.

Quellen

[1] Bildungsbericht Schweiz 2026 (https://www.skbf-csre.ch/fileadmin/files/pdf/bildungsberichte/2026/BiBer_2026_DE.pdf)

[2] «Unhaltbar»: Fachpersonen kritisieren neuen Schweizer Bildungsbericht; Der Bund, Nina Fargahi, 22. April 2026